• Lac du Der-Chantecoq

  • 8 August 2013 by 0 Comments

Hoch lebe der Brückentag! Vier Tage frei! Also flugs Fotoausrüstung, Angelzeug, einige Küchenvorräte, Pastis, Rotwein und kaltes Bier in den VW-Campingbus gepackt und noch am Donnerstagnachmittag losgefahren. Als Ziel hatten wir uns den Lac du Der-Chantecoq vorgenommen.

Der Lac du Der-Chantecoq ist ca. 250 km von Saarbrücken entfernt und liegt in der Champagne. Er ist mit einer Fläche von 48 km² und einer Uferlinie von 77 km der größte Stausee Frankreichs und wurde in erster Linie als Rückhaltebecken „gebaut“, um das Marne-Tal und vor allem die Stadt Paris sowohl vor Hochwasser zu schützen bzw. in trockenen Sommern als Wasserreservoir zu dienen.

Auf die Idee, dorthin zu fahren, brachten mich die Kraniche und das Naturfotofestival, das hier jedes Jahr im November in Montier-en-Der stattfindet.

Der Lac du Der ist ein wichtiger Zwischenstopp, an dem die Kraniche im Herbst auf ihrem Flug in den Süden und gegen Ende des Winters auf ihrem Rückflug in den Norden rasten – und zwar zu mehreren zehntausenden! Hier fressen sie sich noch einmal genügend Energiereserven für die lange Weiterreise an. Da ich mir dieses Schauspiel im kommenden Herbst oder Winter anschauen möchte, wollte ich den Standort schon einmal im Vorfeld erkunden. So bot sich außerdem eine prima Gelegenheit für einen Ausflug mit dem Campingbus.

Natürlich finden sich hier nicht nur Kraniche ein, es gibt auch zahlreiche andere Vögel zu beobachten, so etwa Haubentaucher, Blässhühner, Graureiher, Silberreiher und Purpurreiher.

Von den typisch französischen Campingplätzen mit Mobilhomes oder Holz-Chalets, Wasserrutschen und anderen Animationsangeboten hielten wir uns fern. (Wobei einem die Chalets im Winter, wenn die Kraniche anreisen, sicherlich sehr gelegen kommen dürften…) An einem künstlichen Strand entdeckten wir einen – ebenfalls typisch französischen – Picknickplatz im Wald. Im flachen Wasser erfrischten wir uns von der Augusthitze. Am Abend kehrte Ruhe ein – wir hatten den Platz für uns alleine.

Im Morgengrauen wurde ich von Autogeräuschen geweckt. „Hoffentlich ist das nicht die Gendarmerie!“, schreckte ich hoch. Mais non, es waren Angler, die an der nahen Slip-Anlage ihre Elektroboote zu Wasser ließen.

Weiden im Wasser des abendlichen Lac du Der

Weiden im Wasser des abendlichen Lac du Der

Den zweiten und dritten Tag verbrachten wir mit kleinen Ausflügen zu verschiedenen Vogelbeobachtungshütten, Erkundungen der verschiedenen Ecken des Sees und einem Besuch im Büro der LPO – Ligue pour la Protection des Oiseaux, einer französischen Naturschutzorganisation. Den Standplatz hatten wir mittlerweile gewechselt: An einem relativ schmalen Seitenarm des Sees führte ein Sackgässchen vorbei, an dem sich alle 50 Meter ein Angelplatz, teilweise mit Holzpodest über dem Wasser, befand. Nachdem die sowieso nicht allzu lauten Wasserskifahrer Feierabend gemacht hatten, kehrte Ruhe ein. Hin und wieder machte sich die Blässhuhnfamilie im Schilf links von uns oder die Haubentaucherfamilie im Schilf rechts von uns bemerkbar, oder ein Frosch quakte. Erholsame Stille, leises Plätschern oder kaum hörbares Rascheln der Blätter. Bis vom eigentlich weit entfernten Campingplatz am gegenüberliegenden Ufer die Samstagsabend-Disco begann – erstaunlich, wie weit Wasser den Schall trägt… Entertainment mit Live-Musik und zum Abschluss ein mickriges Feuerwerk. Dann herrschte aber wirklich richtige Ruhe. Der fast volle Mond glitzerte auf dem spiegelglatten Wasser, und Sternschnuppen sausten über den Himmel. Wir begannen eine Diskussion darüber, was Flugzeug und was Satellit ist. Die bunt flackernden Dinger, die etwas orientierungslos übers Firmament taumeln und zucken, sind meiner Meinung nach Satelliten. Oder weiß jemand mehr darüber?

Bei unserer Rundfahrt um den See sieht man allerlei hochgerüstete Angler mit Batterien von Angeln, die mich entfernt an Stalinorgeln erinnern. Die Petrijünger sitzen gemütlich auf ihren Campingstühlen und warten darauf, dass irgendein technisches Accessoir durch ein Geräusch kundtut, dass sich einem armen Fisch ein Angelhaken ins Maul gebohrt hat. Gerade beobachten wir zwei junge Pärchen mit umfangreicher Ausrüstung, die direkt neben dem Campingplatz entspannt in ihrem Campingmobiliar lümmeln. Ein elektronisches Klingeln schreckt alle auf. Die Damen bereiten ihre Handy-Kameras vor, und der Kumpel des erfolgreichen Anglers holt aus seinem nashorngroßen Equipment-Sack ein Netz hervor, mit dem er problemlos eine Kuh hätte einfangen können. Nach einigen Minuten gibt der Fisch auf und wird mit vereinten Kräften ins Netz gehievt. Die Mädels quitschen, hüpfen umher und fotografieren, die Jungs mühen sich heldenhaft mit dem riesigen Karpfen ab. Der arme Kerl kommt nun auf eine Matte, die an eine Waage gehängt wird (alles im Nashorn-Equipment-Sack verstaut), und das angezeigte Gewicht wird handyfotografisch – wahrscheinlich von der stolzen Liebsten des tapferen Anglers – dokumentiert. Das andere Fräulein schöpft voll des Mitleids mit der armen Kreatur Wasser aus dem See und erfrischt damit den Fisch. Dann versucht der Held, den Karpfen in die Arme zu nehmen und sich in Siegerpose ablichten zu lassen – allein, auch seine Kräfte haben nachgelassen, und er schafft es nicht mehr in den Stand, geschweige denn, das massige Tier auf den ausgestreckten Armen in die Luft zu halten. Also lässt er sich in der Hocke mit dem großen Fisch fotografieren. Dann wird selbiger von seiner Qual befreit und wieder in den See zurückgetragen. Wir hoffen, dass er mit dem Schrecken davongekommen ist und beim nächsten Mal weiß, wo er nicht reinbeißen darf!

Den letzten Tag verbringen wir im Norden des Sees auf einer schmalen Halbinsel, an deren Ende eine Mole ins Wasser führt. Wir stehen an einem kleinen Strand und räkeln uns unter Bäumen im Liegestuhl. Im Gebüsch haben Angler ihre Zelte aufgebaut, mit Grill und allem was der Angler so braucht. Plötzlich tönt Geschrei aus dem Geäst. Die Angler beschweren sich, weil ein Kajakfahrer zu nahe an ihren Leinen vorbeipaddelt. Anscheinend ist der Paddler in einem Gebiet unterwegs, das nur von den Anglern genutzt werden darf: Der Lac du Der ist in Zonen eingeteilt, die einem bestimmten Zweck vorbehalten sind. Zum Glück: So hören wir die nervigen Jet-Skis nur aus der Ferne röhren. In anderen Zonen wiederum sind nur Elektroboote oder Paddelboote erlaubt. Die Einhaltung dieser Einteilung wird von der hin und wieder vorbeituckernden Gendarmerie anscheinend auch – mit freundlichen Ermahnungen – kontrolliert.

Unser letzter Stellplatz erwies sich als idealer Ort: Viel Platz, viel Ruhe, Toiletten in der Nähe (die täglich von einem freundlich grüßenden städtischen Angestellten gesäubert werden), ein Strand zum Plantschen, eine Mole zum Herumspazieren und Angeln, morgens Aussicht auf den Sonnenaufgang über dem See, abends Blick auf den Sonnenuntergang, und nachts Grillengezirpe unter einem beeindruckenden Sternenhimmel mit zahllosen Sternschnuppen.

Nachmittags war ich schon erstaunt über die unzähligen verschiedenen Libellen, die zu Hunderten über die Wiesen sirrten. Nicht zuletzt ihretwegen stand ich am letzten Morgen um 5.45 Uhr auf, in der Hoffnung, dass sie dann noch müde und von der Nachtkühle unbeweglich waren. Da aber die Vegetation fast über einen Meter hoch war, gestaltete sich der Einsatz des Stativs als sehr schwierig. Bis ich das Dreibein vorsichtig im Stengelmikado aufgestellt hatte, war die angepeilte Libelle vom Schwanken ihres Sitzplatzes aufgewacht und schwirrte auf und davon. Daher konnte ich eigentlich nur aus der freien Hand fotografieren. Einige zufriedenstellende Fotos sind mir aber dennoch gelungen. Weitere Libellenfotos gibt es demnächst in der Galerie Fauna, und mehr vom Lac du Der kann man bald in der Galerie Frankreich sehen.

Noch hält sie still...

Noch hält sie still…

Nachdem die Sonne immer höher gestiegen war, Wind aufkam und die Libellen nicht mehr still sitzen konnten, traten wir die Heimreise an – die vorbeigleitende spätsommerliche Agrarlandschaft der Champagne hatte eine sehr beruhigende Wirkung auf mich, und mehrmals fiel ich in einen Halbschlaf.

Um den See herum gibt es einige Campingplätze. Hier kann man zelten, sein Wohnmobil abstellen oder auch Chalets bzw. Mobilhomes mieten. Zudem gibt es einige spezielle Wohnmobilstellplätze. Auf den Campingplätzen tummelt sich vor allem in den französischen Sommerferien Groß und Klein – von Animation über abendlicher Disco oder Feuerwerk an den Wochenenden bis hin zu zum Aquaparc gibt es alles. Wir bevorzugen allerdings ruhigere Stellen. Mit einem VW-Bus hat man da meist keine Probleme, und wir fanden auch einige nette Plätze. Es empfiehlt sich allerdings, leistungsfähige Anti-Mückenmittel vorrätig zu haben… sollte man festes Schuhwerk, Badesachen, Fernglas nicht vergessen.

Man kann angeln (Angelscheine in der Station Nautique in Giffaumont), und es gibt einige Strände, an denen man baden kann. Da alles schön flach ist, lässt es sich auch prima radeln, vor allem auf dem Deich mit Blick auf den See. Auf Paddelbooten oder Elektrobooten können entlegenere Ecken des Sees erkundet werden. An bestimmten Stellen wurden Vogelbeobachtungshütten errichtet.

Um den See herum liegen einige nette beschauliche Dörfer mit hübschen charakteristischen Fachwerkhäuschen, in denen man Ferienwohnungen oder auch ganze Ferienhäuser mieten kann, wobei es sich teilweise um für die Region typische Fachwerkhäuser handelt.

Still ruht der See

Still ruht der See